Für den Audio-Guide zur Ausstellung „George Grosz x Daniel Richter. Krieg und Konfitüre“ im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm konnten wir einen ungewöhnlichen „Mitarbeiter“ gewinnen – Daniel Richter höchstpersönlich, seines Zeichens einer der wichtigsten deutschen Künstler der Gegenwart. Die stellvertretende Museums-Direktorin und Co-Kuratorin Ronja Friedrichs hatte uns schon früh mitgeteilt, dass Richter bereit sei, für den Guide ein exklusives Interview zu geben. Nur wo erwischt man den vielbeschäftigten Künstler in der Kürze der Zeit und dann auch noch während der Sommerferien? Nach einigem Hin und Her in der Planung treffen wir ihn schließlich entspannt und bestens gelaunt im Italien-Urlaub. Er ist eloquent, wie man ihn kennt, lacht viel und spricht wunderbar auf den Punkt über seine Werke. Besseres O-Ton-Material kann man sich nicht wünschen.

Ein vom Künstler ausgewählter Soundtrack
Aber es kommt noch besser: Als leidenschaftlicher Musik-Liebhaber sucht Richter außerdem zu allen Kunstwerken, die besprochen werden, einen Song aus. Die Bandbreite reicht dabei von Ernst Busch bis Loud Reed oder Scott Walker. Wer gerade keine Lust hat, im Audio-Guide mehr über ein Bild zu erfahren, kann also auch einfach beim Schauen einen Song hören, was die Kunstwerke noch einmal völlig anders zur Geltung bringt.

Kluge Analysen in den O-Tönen
Wer sich schon mit Richter beschäftigt hat, weiß, dass er sehr belesen ist und auch äußerst unterhaltsam erzählen kann. Es ist erhellend, ihm zuzuhören, und macht dabei häufig auch noch großen Spaß. Das kann man, denke ich, auch für seine O-Töne in unserm Audio-Guide behaupten. So äußert sich Richter zum Beispiel darüber, warum man als Künstler heute nicht mehr auf die gleiche Weise Gesellschaftskritik üben kann wie George Grosz in den Jahren der Weimarer Republik:


„Also der Unterschied zwischen jemand von heute, also in diesem Fall mir, und jemand von damals, also in diesem Fall Grosz, aber das gilt ja für ganze Gruppen von damals und heute, ist, dass es natürlich diese klare Konstellation nicht mehr gibt. Also es war Grosz oder die Linke oder die progressive Kunst war konfrontiert mit einem korrupten Militarismus, einer korrupten Religion, einer Bourgeoisie, die durch und durch verkommen war. Die Zusammenarbeit von Rechtsradikalen, Justiz, Kapital war evident. Die Gesellschaft war militarisiert, verarmt und durch den Krieg geprägt. Das trifft natürlich alles heute nicht mehr so zu. Und man kann halt heute auch den fiesen Kapitalisten nicht mehr abbilden, indem man den Zylinder aufsetzt und eine dicke Wampe und einen Schliss malt. Der Kapitalist heute oder der Verbrecher heute, der aussieht wie Peter Thiel oder Elon Musk oder Putin, ist halt ein sportlicher Typ. Der könnte genauso gut auch Versicherungsvertreter sein oder Sie und ich. So, also diese Maskenhaftigkeit der Leute, diese Zeichenhaftigkeit, die gibt es in der Form nicht mehr.“

Vielen Dank an alle Beteiligten für diese tolle Zusammenarbeit und dem Publikum viel Spaß beim Anhören und Anschauen!

Ein Beitrag von Aike Jürgensmann

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